Kommentar, Glosse oder wenn es nicht so traurig wäre…

Normalerweise schreibe ich „Gedanken der Regie“ in unser Programmheft zum jeweiligen Stück. Die aktuelle Situation hat aber einerseits das Erscheinen eines Programmheftes verunmöglicht, andererseits passiert im Moment einfach so viel, dass die „Gedanken“ einfach raus müssen. Eigentlich wäre es schön einen Kommentar als Glosse zu schreiben und ein wenig will ich das auch hier einfliessen lassen, wenn es nur nicht insgesamt so traurig wäre… Wichtig vorab jedoch: Dieser Kommentar ist die alleinige Meinung des Präsidenten und muss nicht mit der Meinung anderer Mitglieder von Theater Magden übereinstimmen. In unserem Verein gilt die Freiheit der Meinung, Glauben, Selbstbestimmung und wozu man sonst noch alles frei sein kann…

Lange war es ruhig hier, aber was soll man schreiben ausser Durchhalte-Parolen? Wie können wir konkrete Pläne schmieden, wenn wir nicht mehr selbstbestimmend sind, sondern ausgeliefert? Schluss, aus, fertig damit. Es ist Zeit das Heft in die Hand zu nehmen und der depressiven Grundstimmung entgegenzutreten. Erste „Feldversuche“ laufen bereits: Ein Ensemble rund um Hansjörg Adler wird am Kulturnachmittag vom Sonntag, 29. August 2021, um 13.00 Uhr, auf dem Hirschenplatz einige Sketche aufführen, eine Spielerin hilft bei den Kollegen in Zeiningen aus, ich selber gebe gerade den Mackie Messer in der Dreigroschenoper im Lehrertheater Möhlin. Eine Cast des Theaters nimmt aktuell Kinder-Hörspiele auf, und wir wollen unsere Produktion „Wir sind noch einmal davongekommen“ im November 2021 auf die Bühne bringen… Wir kommen zurück und wir kommen um zu bleiben.

2020 wurden wir abrupt ausgebremst. Zwei Aufführungen (Projekttheater im Frühling und Haupttheater im Herbst) wurden kurz vor der Ziellinie gestoppt. Es wäre ein Leichtes, jetzt die Hände in den Schoss zu legen, und einfach nichts mehr zu machen… sich der Agonie hinzugeben, zu warten bis alles wieder gut ist. Zuviel wurde schon abgesagt. Die Gesellschaft bricht auseinander. Spontan kommt mir da, als Theatermann, natürlich der Wilhelm Tell von Schiller in den Sinn, in welchem er den Rütli-Schwur wiedergibt mit:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

Echt? In keiner Not uns trennen und Gefahr? Was machen wir gerade für eine Zweiklassen-Gesellschaft? Eher den Tod, als in Knechtschaft leben? Uh, da ist wohl gerade etwas viel Pathos in die Kunst eingeflossen. Am Ende ist dann doch das eigene Hemd, so scheints, am Nächsten.

Kultur muss verbinden und nicht trennen! Wir können, dürfen und werden kein System unterstützen, dass eine Trennung in irgendwelcher Art vorsieht. Kultur muss für alle zugänglich sein. Wohin uns eine Gesellschaft ohne Kultur führt, lehrt uns die Geschichte. Ich bin entsetzt, was für Hasskommentare ich in den sozialen, wie auch Print-Medien lese (das Wort „sozial“ im Begriff Social Media ist in diesem Zusammenhang schon ein Witz). Ein einzig Volk? Uns nicht trennen? Wie war ein System der Apartheid in einer „zivilisierten“ Gesellschaft möglich? Wie konnte eine Machtergreifung einer menschenrechtsverachtenden Gruppierung in einer aufgeklärten Gesellschaft von statten gehen und sich dann auch noch jahrelang mit allen Gräueltaten behaupten? Werden mir gerade jetzt die Augen geöffnet, und die Antworten geliefert, wie das möglich war? Wir spalten aktuell eine Gesellschaft, wir stigmatisieren die eine oder andere Hälfte, es fehlt sich nur noch, dass wir eine davon kennzeichnen, sei es durch Armbinde oder Abzeichen am Revers. Wachen wir endlich aus diesem Albtraum auf! Ich will weder für die eine noch andere Seite Partei ergreifen, sondern wir müssen uns auf unsere Werte und Zusammengehörigkeit besinnen. Und dazu gehört eine gemeinsame Kultur, unbedingt!

Wir sind heute soweit, dass unsere Gespräche beginnen mit: „Und, bist du schon geimpft?“, „Lässt du dir wirklich dieses Gift rein?“, „Bist du auch ein Systemgläubiger?“, „Seit wann bist du ein Aluhut-Träger?“… können wir nicht einfach wieder aufeinander zugehen und fragen „Wie geht’s?“ Und es auch ernsthaft meinen und sich interessieren und zuhören, was die Nöte und Sorgen des Anderen sind, statt den Impf-Status abzufragen? Am Ende des Tages frage ich auch niemanden bei der Begrüssung: „Hallo, verhütest du und wie?“

Vor 25 Jahren wurde ich Offizier, inzwischen bin ich in meiner Offiziersfunktion Mitglied des Kantonalen Führungsstabes des Kanton Aargau. Ich übe meine Offiziersfunktion aus, um die Verfassung zu schützen, unsere Bevölkerung, unsere Rechte und Freiheiten… aktuell ein ziemlicher Spagat. Daher mein Aufruf:

Lasst uns die Hände reichen, oder besser: zuwinken, und uns gemeinsam unserer Kultur erfreuen. Sei es Musik, Gesang, Alphornklänge, Theaterspiel, Tanz oder was uns auch immer verbindet.
Es ist Zeit für Taten statt Worte.

Übrigens, wir haben die Familienplanung abgeschlossen… einfach falls es interessiert.

Roland Graf

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